Digital ist das bessere analog

Es fing immer harmlos an. 

Der lousy loser. Selbstoptimierung ist das große Ziel in seinem Leben!

Ich setzte mich an den PC und arbeitete konzentriert durch. Die Nummer ging vielleicht zwanzig Minuten lang gut. Dann ließ mich meine Konzentration im Stich, das Belohnungszentrum in meinem Hirn, der Nucleus accumbens, forderte seinen Tribut. Meistens lief es darauf hinaus, dass ich bei YouTube mir einen oder zwei Clips ansah. Das war völlig in Ordnung so. Alles braucht seinen Ausgleich. 

„Ach, ich könnte ja noch mal kurz“

Wenn ich es danach nur fertig gebracht hätte aufzustehen. Stattdessen blieb ich sitzen. „Ach, ich könnte ja noch mal kurz…“ lautete der nur halb wahrgenommene Satz, der mich unzählige Stunden sinnlosen Internet-Konsums kostete.

Feste Kontingente gegen den inneren Schweinehund

Die erste Variante meinen inneren Schweinehund zu bezwingen lautete: Feste Kontingente. Ich beschloss zu fixen Zeiten, komme, was wolle, mich vom Computer zu lösen. Das war ein guter Gedanke. Nur taugte er nichts. Regelmäßig vergaß ich die Taskleiste einzublenden. Mit dem Ergebnis, dass, wenn ich sie dann doch einblendete, weit über die eigentliche Zeit hinaus getrödelt hatte.

Die zweite Lösung  

digital ist das bessere Analog

Die zweite Lösung hatte anachronistischen Charme. Mit veralterter Technik würde ich die Verlockungen des modernen Internets austricksen! Ich bestellte (bei Amazon) eine gute alte Sanduhr. Hier handelte es sich um ein Qualitätsprodukt aus China. Leider gab es bei der Uhr keine Möglichkeit der Modifikation. Man konnte eine Zeit ablesen und nur eine. Nach einer halben Stunde hatte sich die obere Hälfte geleert. Zeit aufzustehen und in der analogen Welt irgendwas nützliches zu machen! 

Eine Weile lang funktionierte das ziemlich gut. Die Uhr war schlicht zu groß, um sie auf meinem Schreibtisch zu übersehen.

Irgendwann, mittlerweile lief ein langer YouTube-Clip über den Tunguska-Kometen, wurde mir klar, ich hatte die halbe Stunde-Grenze gerissen. Wie konnte das sein?! Ich hatte die analoge Sanduhr doch immer im Blick gehabt! Ich besah sie mir nun genauer. Vier Fünftel ihrer Zeit war abgelaufen. Aber es rieselte kein Sand mehr in die untere Hälfte. Ein paar leicht größere Körner hatten die Mitte blockiert. Ich schnipste das Glas an. Die Blockade löste sich. Nun rieselte der Sand wieder.  

Nur hatte ich damit das Vertrauen in dieses fehleranfällige analoge Verfahren verloren. Ich ärgerte mich eine Zeit lang über dessen Unzuverlässigkeit. Schließlich löste sich das Problem. Eines Tages bewegte ich die Maus ein wenig zu schnell. Sie stieß gegen die Sanduhr, und die kippte über den Tisch. Ich versuchte noch, sie zu halten, jetzt aber bewegte ich mich zu langsam. Die Sanduhr schlug auf dem Boden auf. Dabei zerbrach sie in der Nähe der Mitte. Feinpulveriger dunkler Sand verteilte sich auf dem beigen Teppichboden. Verdammt. 

Hatte der Fortschritt denn nichts besseres auf Lager?

Digital ist das bessere analog

Na, klar, hatte er! Da es inzwischen für alles eine App gibt, gab ich im Play Store Sanduhr ein. Und tatsächlich bekam ich eine Unmenge an digitaler Sanduhren vorgestellt.

Ich entschied mich für dieses schmucke Stück:

digital ist das bessere analog

Und ich war begeistert!

  • Es kann nicht zerbrechen!
  • Es verteilt keinen dunklen Sand auf hellem Teppich!
  • Die Farbe des Sandes ist frei einstellbar!
  • Es kann jede beliebige Zeitdauer runter laufen lassen!

Ja! Digital ist das bessere analog. 

Vor ein paar Minuten hat es mich auch pünktlich darauf hingewiesen, dass meine PC-Zeit um ist. Eigentlich müsste ich aufstehen.

Ach, ich könnte ja noch mal kurz schauen, ob auf Pornhub ein paar neue Statistiken raus gekommen sind.

Das ist auch gut:

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