Ich merke nichts

Letztens traf ich mich mit Freunden zum Essen. Wir wollen das nicht, liegen aber alle irgendwo um die 50 Jahre herum.

Georg hatte diesmal das Lokal ausgesucht, also trotteten wir ihm brav nach. Vermutlich würde es auf indisch herauslaufen. Georg isst gern scharf.

Ich merke nichts
Bildquelle Pixabay Fotograf Noxoss

Tatsächlich landeten wir bei Best Worscht in Town. Das Teil liegt in der Frankfurter Innenstadt und mäandert irgendwo zwischen Erlebnis- Gastronomie und Imbissbude. Das Konzept ist pfiffig, und es gibt inzwischen mehr als 20 Filialen im Rhein-Main-Gebiet.

Als  Anführer fühlte sich Georg bemüßigt uns das Best Worscht in Town Prinzip zu erklären. „Das besondere hier ist die Soßenmatrix!“

„Was?“ hackte Michael rein. Er spricht langsamer und gelangweilter als DJ Jan Delay. Georg hat seit 3 Jahrzehnten versucht dafür Verständnis aufzubringen. Mit wechselndem Erfolg. „Wenn du mich mal ausreden lässt, dann“

„Natürlich.“

„Dann…   …dann kann ich es auch erklären. Ihr wählt zu eurer Wurst selbst die Soße aus. Zum einen die Geschmacksrichtung“ Er deutete auf eine Übersicht. Darauf standen verschiedene Mischungen. Unter anderem Honig-Senf, Jambalaya und Zimt-Koriander.

„Zum anderen“

„Wo gibt es denn hier Salate?“ grätschte Michael rein. Er blickte suchend und in Zeitlupe über das Menü.

„Hier gibt es keine Salate. Das ist ne Wurstbude. Wenn du Salat willst, geh zu McDonalds. Zum anderen die Schärfe.“ Er wies auf einen aufgedruckten Stab hin. An dessen unterem Ende hatte der eine harmlos orange Farbe. Der Rot-Ton nahm in Teilstrichen nach oben hin zu, bis zum obersten Teilstrich, der brannte.

„Hm.“ überlegte Michael. „Da nehme ich besser einen Buchstaben aus der Mitte.“ Er entschied sich für Schärfegrad D.

„Nein.“ widersprach Georg. „Die Griesbrei-Fraktion nimmt gar keine Schärfe oder Schärfegrad A. Das langt völlig. Glaub mir.“ 

 

5 Minuten später saßen wir vor unseren Würsten. Die meisten hatten keine Ahnung gehabt, wie scharf die einzelnen Schärfegrade sein würden. Demzufolge hatten praktisch alle Schärfegrad B genommen. Ich hielt das auch für eine gute Abwägung zwischen Vorsicht und harter Kerl. Niemand hatte sich als Junge von der Griesbrei-Fraktion outen wollen. 

„Ich merke nichts.“ erklärte Michael. Er starrte auf seine Wurst. Anscheinend war sie nicht nur leblos, sondern auch geschmacklos.

„Was hast du für einen Schärfegrad?“ fragte Heinrich. Er hatte bereits nach 2 Schnitten ein rotes Gesicht. Auf der kahlen Stelle an seinem Hinterkopf glitzerten Schweißperlen. Wie wollte er bloß die die restlichen 8 Scheiben packen?

„B“

„Wollen wir tauschen? Ich hab B+“

„Und was für eine Geschmacksrichtung hast du?“ erkundigte sich Michael.

„Egal. Schmeckst du eh nicht raus. Wollen wir tauschen?“

„Okay.“

Sie tauschten ihre Teller. Mit einem nachdenklichen Gesicht kaute  Michael auf einer Scheibe Bratwurst rum. „Ich merke nichts“ erklärte er schließlich.

„Wollen wir tauschen?“ fragte Georg lauernd. Er hatte sich für C entschieden.

„Ich dachte, du bist ein harter Kerl?“ legte Michael den Finger in die Wunde.

„Bin vielleicht ein wenig aus der Übung.“ räumte Georg ein. Auch sie einigten sich auf eine Tellerübergabe. 

Dann legte Michael los. Mit einem perfekten Pokerface kaute er auf einer C-Scheibe herum. Er hatte mittlerweile unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. „Ich merke nichts.“ lautete schließlich sein Urteil. 

 

Wir machten eine Viertelstunde später einen kleinen Verdauungsspaziergang. Etwa die Hälfte von uns war auf der unsichtbaren Rangliste nach oben geklettert. Sie hatten tatsächlich ihre Teller leer gegessen. König des Tages war natürlich Michael. Er hatte nicht nur die Schärfegrad C-Wurst gegessen, sondern auch noch den Rest der B+-Wurst.

Nachdem wir bestimmt 500 Sekunden vielleicht sogar etwas länger spazieren gegangen waren, deutete Michael auf ein Eiscafé. „Wollen wir noch ein Eis essen?“

Ja, wollten wir. Unbedingt. Wir setzten uns ins Innere des Cafés.

„Bestellt ruhig schon. Ich muss nur kurz auf Toilette.“ beschied uns Michael.

Die meisten bestellten Milkshakes. Einer entschied sich für einen Banana-Split. Links liegen ließen wir alles auf Krokant-Basis. Das schleimte und schlürfte sich zu schlecht.

„Wo bleibt Michael?“ fragte Georg nach einer Weile.

„Der ringt noch um seinen Geschäftsabschluss.“ erklärte Heinrich. 

„Ach, so.“ Wir widmeten uns wieder unseren Milkshakes. 

Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie ein anderer Gast ins Klo ging. Er kam ein paar Sekunden später wieder raus. Schüttelte nur den Kopf.

 

„So langsam mache ich mir Sorgen.“ meinte Heinrich. Eben hatte er seinen zweiten Milkshake geleert.

„Um ihn?“ fragte Georg. Er deutete mit seinem Löffel auf den Gast am anderen Tisch. Der ließ sich inzwischen von der WC-Tür hypnotisieren. 

„Um Michael.“

Da tauchte Michael aber auch schon auf. Sein Gesicht eine bleiche Farbe angenommen. Der Gang lag irgendwo zwischen Reißzweck im Schuh und Kreislaufproblemen.

Nun hatte er es gemerkt. 

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