Machen Sie vielleicht endlich mal ne zweite Kasse auf?!

zweite Kasse
Oh, je. Einer dieser Schokoriegel wird das Ende der Geschichte nicht heil überstehen Bildquelle Pixabay Fotograf Alexas_Fotos

Als ich am Samstag im Supermarkt in den Kassenbereich einschwenkte, meinte ich nicht, dass eine zweite Kasse aufgemacht werden sollte. Zwei Rentner und eine Frau standen vor der besetzten Kasse. Die alten Männer hielten etwas Gemüse in den Händen. Lediglich die Frau hatte einen halbvollen Einkaufswagen. Das war es auch schon.

Eine junge Mutter kam gleichzeitig mit mir zur Kasse. Sie hatte ein hübsches Gesicht, wirkte aber, als sei mit ihr nicht gut Kirschen essen. Ihr Sohn folgte ihr dicht auf.

Ich ließ den beiden den Vortritt. Ob sie mich bemerkte, konnte ich nicht sagen. Zumindest ihr Sohn hallote mich freundlich an. Er schob einen Kinder-Einkaufswagen vor sich her, der randvoll mit vernünftigen Sachen war. Auf den ersten Blick fiel mir zahlreiches Obst, Pflaster und eine Tube Zahnpasta auf. Er blieb geduldig neben seiner Mutter stehen. 

„Machen sie vielleicht endlich mal ne zweite Kasse auf?!“ schnauzte die junge Mutter. Sie hatte bis jetzt bestimmt 5 Sekunden, vielleicht sogar 7 Sekunden warten müssen.

Die Rentner und die Frau warfen der Mutter erstaunte Blicke zu. Dann wandten sie sich wieder um.

Der Kassierer, ein schüchternes Riesenbaby, ließ Königin Kundin hochleben. „Ja, natürlich.“ nuschelte er. Dann sprach er mit etwas klarerer Stimme in das Kassenmikrophon. „Frau Schmidt, bitte die zweite Kasse öffnen.“ Er wandte sich der Mutter zu. „Die zweite Kasse wird gleich für sie geöffnet.“

Es blieb unklar, ob sie ihn gehört hatte. Sie sah mit sturen Blick auf die Auslage mit Heften.

Dann sahen alle zu dem Regal mit Schnittblumen. Ein kleines Mädchen von vielleicht 3 Jahren hatte zwei Gartenzwerge umgeworfen. 

„Janina, komm her.“ befahl die junge Mutter.

Janina ignorierte sie.

„Janina?“ Diesmal sprach die Mutter leiser. Ihre Stimme hatte jedoch einen gefährlichen Unterton angenommen.

Janina hüpfte zu ihrer Mutter.

„Thomas?“ fragte die Frau hinter den Rentnern. Sie sah zu dem Jungen mit dem Kindereinkaufswagen. Der schob den Wagen zu der Frau. Wir hatten also in Wirklichkeit nicht eine Mutter mit zwei Kindern, sondern zwei Mütter mit jeweils einem.

Das brachte mich zum Grübeln. Die junge Mutter hatte keinen Einkaufswagen. Wenn der Kindereinkaufswagen demnach nicht zu ihr gehörte, was kaufte sie dann ein? Sie kehrte mir den Rücken zu, aber ab und an fuhr sie sich mit der linken Hand durch ihr Haar. Die rechte Hand hielt sie locker vor sich. Was immer sich darin befand, viel konnte es nicht wiegen. 

Die Warteschlange schob sich ein Stück weit nach vorne, als der erste Rentner mit seiner Gurke und dem Sack Zwiebeln abzog. Gelegentlich warf jeder einen Blick auf die gefallenen Gartenzwerge. Wollte die junge Mutter ihrer Tochter nicht sagen, sie solle sie wieder ordentlich hinstellen?

Nein, auf den Gedanken kam sie nicht. Sie hatte auch nicht den Einfall die Gartenzwerge selbst wieder in ihre Reihe zurück zu bringen. Ab und an streifte ihr gelangweilter Blick den Bereich mit den Schnittblumen. Ob sie die Gartenzwerge dabei bemerkte, blieb ihr Geheimnis.

Janina wurde es nach einem Augenblick zu langweilig. Sie schlenderte umher, wobei sie einige Stifte im Schreibwarenbereich runter stieß.

„Janina, was soll denn das?! Komm her!“ befahl die Mutter. 

Janina kam her. Kurze Zeit später kam auch eine ältere Kassiererin, um die zweite Kasse aufzumachen. Auf dem Weg dahin steckte sie die heruntergefallenen Füller wieder auf. Das ging leicht, weil die Füller auf den Boden des erhöhten Standes gefallen waren. Danach positionierte sie die Gartenzwerge wieder richtig. Hier hatte sie größere Probleme, weil sie sich bis zum Boden bücken musste. Und schon stand die junge Mutter am Band.

„Bitte einen Moment noch. Ich muss mich erst“ fing die Kassiererin an.

„Sie hatten genug Momente.“ beschied sie die junge Mutter. Sie legte eine Packung Zigaretten, ein Trennstäbchen und noch eine Packung Zigaretten auf das Band.

„Mama!“ Janina hielt ihr ein Duplo hin.

„Nein.“ Das ist Zucker. Das ist nicht gut für dich.“ Sie zog am anderen Ende des Duplos, aber Janina ließ nicht los. Irgendwo zwischen den beiden Händen brach die längste Praline der Welt.

„Janina?“ Erneut hatte sie diesen gefährlichen Unterton in der Stimme.

Janina begann zu weinen. Nun ließ sie los.

Die junge Mutter legte den Duplo zurück in den Quengel-Bereich. 

Verblüfft betrachtete die ältere Kassiererin, den zerknautschten Duplo in der Kondom-Reihe. Sie überlegte kurz, ob sie einen Streit mit der jungen Mutter riskieren sollte.

Dann zog sie stillschweigend die Packung Zigaretten über den Scanner. 

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