Es ist wichtig, Erster zu sein!

Erster
Erster! Bildquelle Pixabay Fotograf Pollyleep

Unsere Unterführung zum Bahnsteig ist ein wenig heikel.

Von oben wirkt sie wie ein großes U. Zwei langgezogene schräge Ebenen führen hinein. Dabei verlaufen die Winkel relativ flach. Fahrradfahrer und Inline-Skater mit Mut, Leichtsinn oder einfach nur wenig Zeit, können die Kurven nehmen.

Ab und zu kommt es, wie es kommen muss.

Ein Radfahrer (soweit ich es mitbekommen habe, tatsächlich nur die männliche Form) rauscht in eine Zufallsperson hinein. Mal trifft den Radfahrer die alleinige Schuld. Mal hört die Zufallsperson das Klingeln nicht. (Einmal auch hörte sie es, bekam es aber nicht mit, weil sie sich von ihrem Smartphone hypnotisieren ließ.) Es folgen leichte bis mittelschwere Verletzungen. Manchmal auch einfach nur wüste Beschimpfungen.

Gestern ging ich eine der beiden Schrägen hinab. Kindergeschrei und lautes Tapsen drang herauf. „Wer als erster oben ist!“ befahl eine Kinderstimme. Unzweifelhaft ein Junge.

„Nein. Ihr müsst hier aufmerksam s-“ versuchte eine ruhige Frauenstimme zu erklären.

Der Rest ihres Satzes ging in lautem Geklapper unter. Erst ein Paar Kinderfüße, dann zwei, dann drei.

„Ich bin Erster!“

„Jan! Nicht rennen!“ Jetzt war die Frauenstimme nicht mehr ruhig.

„Ich bin Erster!“ Sie mussten ganz offensichtlich noch an ihrem Laufstil üben. Völlig unrhythmisch klatschten ihre Stampfgeräusche zu mir hoch.  

„Ihr bleibt SOFORT stehen!“ Das hätte sie sich sparen können.

„Ich bin Erster!“ Der Junge sauste um die Ecke. Die Ärmchen schwangen wild. Die gedachte Ziellinie, eine mit Stahlgitter versehene Ablaufrinne am Eingang der Schräge hatte er fest im Auge. Sonst aber nichts.

Ich habe gesagt, ihr sollt stehenbleiben!“

Der zweite Junge zischte um die Ecke, wäre beinahe in mich reingerauscht, bekam noch die Kurve, und tat alles, den zweiten Platz nicht zu verlieren.

Ein krausköpfiges Mädchen bog zögerlich um die Ecke. Sie focht einen innerlichen Kampf aus.

„Was habe ich gesagt!? KATHERINA!“

Mist! Das konnte Katherina nicht überhören. Sie blieb stehen. Schuldbewusst sah sie zu der Frau.

„Erster!“ Der Junge übersprang die Ziellinie und patschte demonstrativ mit beiden Füßen gleichzeitig auf.

Jetzt bog die Frau um die Ecke. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie davon, dass Jan Erster geworden war, begeistert. „Jan, was habe ich gesagt?“ fragte sie mit unterdrückter Wut.

„Was hast du denn gesagt?“ fragte Jan mit unglaublich schlecht gespielter Unschuld.

Und dann war ich leider auch schon an ihnen vorüber.

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