Schwarzfahren für ehrliche Menschen

Wer öfter mit dem Rhein-Main-Verkehrsverband fährt, kennt die Prozedur.

An zwei bis drei Eingängen des Abteils steigen Kontrolleure ein. Sie stehen so unauffällig wie möglich rum. Bis der Zug anfährt. Und dann geht es auch schon los. „Guten Tag. Fahrscheinkontrolle. Bitte zeigen sie ihren Fahrtausweis.“

Schwarzfahren
Der ideale S-Bahn-Surfer bleibt locker. Auch wenn die Welle mal gegen ihn läuft. Bildquelle Pixabay Fotograf 3dman_eu

Immer wieder erwischen sie Personen, die schwarzfahren. Obwohl die Aufnahme der Personalien so geschäftsmäßig wie möglich von statten geht, ist es doch ein peinlicher Moment. Von den 60 Euro Bußgeld ganz zu schweigen.  

Das muss doch nicht sein!

Lest hier die besten Strategien, wie sich die Risiken von Schwarzfahren minimieren lassen.

Heute mit der Episode:

Schwarzfahren für Ehrliche

Wir hatten strahlend schönes Frühlingswetter, als ich auf dem Bahnsteig erschien. Es war Sonntag. Außer mir befand sich nur noch eine andere Frau an der S-Bahn-Station. Sie mühte sich am anderen Ende des Steigs mit dem Fahrkartenautomat ab. Sie hatte also kein Job-Ticket. Demnach war ich der einzige Trottel, der an so einem schönen Tag auf die Arbeit fuhr. Scheiße.

Vorausgesetzt, die S-Bahn kam an. Ich hatte im Moment freie Sicht bis fast zur letzten Station. Da rührte sich nichts. Die Stations-Uhr zeigte nun 5 Minuten nach der Abfahrtszeit an. Niemand vom RMV machte eine Lautsprecherdurchsage. Das erinnerte mich inzwischen frappierend an mein letztes RMV-Desaster.

Apropos. Was sagte eigentlich die RMV-App zu dem Ganzen? Ich holte mein Smartphone heraus und versuchte was darauf zu erkennen. Strahlender Sonnenschein gehört verboten, wenn man auf das Display schaut. 

„Entschuldigung?“ Die Frau vom anderen Fahrkartenautomat stand plötzlich vor mir. In der einen Hand hielt sie ihre offene Brieftasche. In der anderen einen 50-Euro-Schein. Sie platzte fast vor Hektik. „Können sie den wechseln? Der Automat da hinten nimmt nur 10er- und 5er-Scheine.“

„Sie können langsam machen. Die S-Bahn fällt aus.“ erklärte ich ihr.

„Echt jetzt?! Ne, oder?!“ Sie blinzelte mich erstaunt an.

Ich hielt ihr mein Handy hin. Um auf dem Monitor was zu erkennen, musste sie die Augen zusammenkneifen.

„Sie fahren nicht oft Zug?“ hakte ich nach.

„Ist das so offensichtlich?“

„Nun, ja.“ Ich hatte mittlerweile mein Portemonnaie offen. Nein, ich konnte ihr den 50er nicht kleinmachen. „Warum haben sie nicht mit ihrem Zehner und ihrem Fünfer bezahlt?“ Ich nickte in Richtung ihrer Brieftasche.

„Den Zehner nimmt er auch nicht.“ 

„Oh.“ Willkommen beim RMV, meine Beste. „Wollen sie es nochmal bei dem Automaten probieren?“ Ich deutete auf den Ticket-Automat am entgegengesetzten Ende des Bahnsteigs.

„Was bleibt mir anderes übrig. Schwarzfahren will ich ja nicht.“ Das passte. Sie wirkte wie eine sympathische Bibliothekarin. Alles strahlte Unauffälligkeit und Harmlosigkeit aus. Ihre Kleidung bestand aus Stoff in unterschiedlichen Grau-Tönen. Eine ehrliche Haut.

Zwei Minuten später versuchte ich und die ehrliche Haut unser Glück beim zweiten Automat. Der war gnädig. Er akzeptierte ihren 10 Euro-Schein. Jetzt fehlten noch 1, 95 Euro.

„Gott sei Dank! Er funktioniert!“ Der Gedanke an Schwarzfahren hatte ihr überhaupt nicht behagt. Sie steckte den 5 Euro Schein hinzu.

Den akzeptierte der Automat nicht. Summend spukte er ihn wieder aus. Sie sah ihn verdutzt an. Dann probierte sie es erneut. Das Resultat blieb gleich.

Während sie ihre persönliche Windmühle bekämpfte, stand ich daneben und versuchte zu einer Entscheidung zu kommen. Sollte ich zu spät auf der Arbeit erscheinen? Oder sollte ich mich krank melden. Sollte ich gehen, oder sollte ich bleiben?

„Können sie vielleicht 5 Euro wechseln?“ 

„Warten sie mal.“ Ich kramte mein gesamtes Wechselgeld zusammen. 4 Euro paar und siebzig Cent wurden es.

„Das reicht mir völlig!“ Sie nahm es, dann warf sie die 2 Euro Münze ein. Der Automat warf die Münze aus. Sie versuchte es mit 2  1-Euro Münzen. Am Ergebnis änderte es nichts. Ihr Gesicht wurde zunehmend länger.

„Lassen sie mich mal.“ Ich nahm die Münze und rieb sie schnell am Automaten. Dann steckte ich sie leicht seitlich verschränkt in den Schlitz.

Darüber musste der Automat erst nachdenken.

Dann spukte er den Euro wieder aus.

„Und jetzt?“ Die Frau sackte etwas in sich zusammen. Funktionierte hier überhaupt was?

„Rufen sie die Nummer an.“ Ich deutete auf ein kleines Schild mit Telefonsymbol oberhalb des Münzeinwurfs. „und sagen sie denen, der Automat sei defekt. Fotografieren sie zur Sicherheit seine Betriebs-Nummer ab.“

Die Frau tat wie geheißen. „Und dann?“

„Dürfen sie ganz offiziell schwarzfahren.“

„Ich will nicht schwarzfahren!“

„Sie müssen schwarzfahren.“

Nur widerwillig traf sie ihre Entscheidung. „Na, gut.“

Ich betrachtete mir noch kurz die wunderschöne Frühlingslandschaft. Dann entschied auch ich mich.

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