Die Inflation und der hedonische Döner

Meinen ersten Döner aß ich relativ spät. Ich kam zur Ausbildung in die Großstadt und die übrigen Stifte gingen Mittags immer zu einer nahegelegenen Döner-Bude. 

Döner
Bildquelle pixabay/ Fotograf Hutchrock

Deinen ersten Döner vergisst du nie

Ich habe den Geruch, der an dem Stand herrschte, noch heute in der Nase. Wenn der Döner genauso gut schmeckt, wie er riecht, weiß ich, wie meine Henkersmahlzeit lautet, dachte ich.

Er schmeckte noch besser.

Und der Preis war lächerlich gering. Ein Döner kostete 1988 5 DM. Was ein Getränk damals kostete, weiß ich leider nicht mehr. Wir hatten alle unsere Mineralwasserflaschen im Rucksack.

Der Döner-Preis – 29 Jahre später

Ich ging ziemlich genau vor einem Jahr zu einer Döneria in der Gegend. 2017 kostete der Konkurrenz-Döner in dem gleichen Kaff 4 Euro. Ich hätte ihn sogar für 3,50 einen Ort weiter bekommen können, doch diese Döner-Bude machte einen leckeren Döner. Und für den war ich bereit 4,50 Euro zu zahlen. Dazu kam noch einmal 1,50 Euro für eine 0,5l-Plastikflasche Wasser. Das machte zusammen 6 Euro. 

Die Gesamt-Inflation

Klatscht man nun alle Inflationsraten seit 1988 aufeinander, ergibt sich die Gesamt-Inflation. (genaugenommen multipliziert man die einzelnen Inflationsraten miteinander.) Sie beträgt 1,74.

Auf gut Deutsch: Der Preis einer durchschnittlichen Ware sollte seit 1988 um 74% zugelegt haben.

Die Döner-Inflation

Die Döner-Inflation liegt in der gleichen Größenordnung. 4,50 Euro/2,55 Euro (was den 5 DM von damals entspricht) ergibt 76% Preissteigerung. Da kann man nicht meckern.

Noch nicht zu mindest.

Der Döner-Preis – 30 Jahre später

Letzte Woche stattete ich der Döneria nach längerer Pause mal wieder einen Besuch ab.

Es hatte sich in der Zwischenzeit einiges zum Besseren gewendet. So hatten sie renoviert und schönere Stühle und Tische im Raum stehen. An den Wänden hingen stilvolle Bilder. Sie zeigten Brücken, die sich durch beeindruckende Landschaften zogen. Sie verbanden Gebirgszüge und unwegsame Dschungelpassagen. Den älteren Türken, der mir beim letzten Besuch den Döner gebracht hatte, hatte irgendwer hinter die Theke verbannt. Stattdessen brachte mir seine gutaussehende Tochter den Döner und eine Mineralwasserflasche im Spielzeugformat. 

Der Döner schmeckte noch genauso gut wie ein Jahr zuvor.

Inflation
Bildquelle Pixabay Fotograf Three-Shots

Das Wasser hatte sich vom Design verbessert. Leider weiß ich die Marke nicht mehr, aber das Fläschchen machte wirklich was her. Noch ein paar Ziselierungen im Glas mehr, und es wäre als Karaffe durchgegangen. Dummerweise passte jetzt nur noch die Hälfte des Volumens der Plastikflasche hinein. Ob sich auch der Preis halbiert hatte?   

Äh. Nein.

Ich ging, um zu bezahlen an die Theke und musste auf die harte Tour lernen, was es mit der hedonischen Bewertungsmethode auf sich hat.

Die hedonische Bewertungsmethode

Inflations-Statistiker auf der ganzen Welt treibt ein großes Problem um:

Wie kann ich meinen Verbraucherpreis-Index kleinrechnen, ohne direkt lügen zu müssen?

Eine einfache und häufig genutzte Methode besteht in der Substitution.  Man wertet den Warenkorb nicht mehr als statisch, sondern als zeit-dynamisches Konstrukt.

HÄ?!

Das klingt komplizierter als es ist. Nehmen wir an, etwas im Warenkorb wird extrem teuer. Dann muss es halt raus. Und irgendwas billiges muss rein. Zur Begründung kann man ja immer noch hinter herschieben, dieses Produkt entspräche nicht mehr der repräsentativen Zusammenstellung der Güter eines Durchschnittsbürgers.

Das ist ein nettes Werkzeug für Statistiker. Aber wie jeder Heimwerker weiß, bei großen Problemen braucht man bessere Werkzeuge. Anscheinend glaubten 2002 die Statistiker in Deutschland stünden große Probleme bevor. Pünktlich zur Euro-Einführung übernahm das Statistische Bundesamt die hedonische Bewertungsmethode. Dabei schauen sie, ob das Produkt nicht vielleicht irgendwie besser beziehungsweise werthaltiger geworden ist. Und dann…

Ach, schauen wir es uns doch am Beispiel meines Mittagsessens an:

Der hedonische Döner

Der ältere Türke sah mich fragend an.

„Ein Döner und ein Wasser.“ sagte ich.

„Das macht 5 Euro für Kebab und 2 Euro Fünfzig für Wasser.“ erwiderte er.

Der blutige Laie würde an der Stelle glauben, die Inflation für meinen Döner betrüge 5 Euro/4,5 Euro. Also 11 Prozent Inflation innerhalb des letzten Jahres.

Das Wasser schlüge mit 2,5 Euro/ 1,5 Euro * 0,5 Liter/0,25 Liter zu Buche. Hier kämen wir auf eine fantastische Preissteigerung von 233 Prozent.

Das ist nicht direkt falsch, aber als Laie übersieht man leicht den hedonischen Bewertungsmist. Schauen wir uns das Ganze mal von oben an:

Ich bestellte 2017 für 6 Euro in einer 0815-Döner-Bude ein Mittagessen.

2018 bestellte ich das gleiche Essen für 7,50 Euro  in einer besser ausgestatteten Döneria.

Diese Inflation lag also bei 7,50 Euro/(6 Euro * HB) Hierbei steht HB für hedonischen Bonus. Ich vergab nach sorgfältigem statistischem Abwägen für den Geschmack 0% Bonus und für die Brückenbilder 10%. Zusätzlich gab es noch 20% Sonderbonus für die hübsche Tochter des Türken.  Wir  erhalten demnach eine Inflation von  7,50 Euro/(6 Euro * 1,3) =0,96 Also -4 Prozent. Das Mittagessen verbilligte sich tatsächlich!

Man, wer hätte das gedacht?!

Moment mal!

Ja?

Was ist mit dem Wasser?

Das Wasser. Ja, richtig. Nun, die reduzierte Menge des Wassers stellte natürlich eine Verschlechterung dar. Aber wie bereits gesagt, der hedonische Bewertungsmist misst nur Verbesserungen beziehungsweise gesteigerte Werthaltigkeiten. Und da das bei dem Getränk nicht der Fall war, gab es auch nichts zu messen.

Und unter dem Schlagwort Inflation findet ihr noch mehr Langzeit-Rennen Inflationsrate vs. Herausforderer. Zum Beispiel…

Nahrungsmittel

Der Butterpreis

Die Kosten für das Trinkwasser

Der Preis für einen Döner

Bürokratie

die Erhöhungen des Rundfunkbeitrags

Deutschlands Steuereinnahmen

Die Erhöhungen der Diäten der Bundestagsabgeordneten

die Gebühr für den Perso

Diverses

der Target2-Saldo,

der Preis fürs Schwarzfahren,

der Heftpreis des SPIEGEL

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